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Manche Menschen vermuten hinter jedem Leiden das Schlimmste.

Die Sorge kann belastend sein.

Andererseits: Eine erhöhte Achtsamkeit zahlt sich auch aus.

 

 

Was sich auf der Türklinke wohl alles für Viren tummeln? Sieht der Sitznachbar im Bus nicht irgendwie fiebrig aus? Und hat die Kollegin etwa gerade gehustet? Noch dazu trocken und genau in meine Richtung? In diesen Tagen kann man schon ab und zu leicht paranoid werden. Selbst die Gelassensten, die sonst an Keime und Krankheiten kaum einen Gedanken verschwenden.

Eine solche Krankheitsangst ist grundsätzlich völlig normal, sagt der Berliner Psychiater und Autor Jakob Hein. „Schließlich wünscht sich niemand, krank zu werden. Zudem wissen wir in dem konkreten Fall einfach noch zu wenig, haben kaum Medikamente und erst seit Kurzem einen Durchbruch beim Impfstoff.“ Allerdings dürfte es auch Menschen geben, die trotz negativem Test eisern darauf beharren, Corona-Symptome zu verspüren. Denn Schätzungen zufolge leiden rund sieben Prozent der Deutschen unter einer mehr oder minder starken Form von Hypochondrie.

Übertriebene Angst vor Krankheiten

„Hypochondrie ist die übertriebene Angst vor einer Erkrankung und die Umdeutung kleinster Anzeichen zu Verdachtssymptomen“, so Hein. Kopfschmerzen? Da muss ein Tumor wachsen. Leberflecke? Das ist mit Sicherheit Hautkrebs. Müdigkeit und Schwindelgefühl? Das kann nur Multiple Sklerose sein. Eine überbehütete Erziehung, eine Fehldiagnose oder das Miterleben von Tod und Krankheit im nahen Umfeld können Ursachen sein.

Oft sind Betroffene regelmäßig damit beschäftigt, ihren Körper abzutasten, den Stuhlgang zu begutachten, Blutdruck zu messen, Symptome zu googeln. Selbst Ärzte, die eine einwandfreie Gesundheit attestieren, sind meist nicht in der Lage, die Angst vor einem unentdeckten Leiden aufzulösen. Im schlimmsten Fall entwickelt sich daraus ein regelrechter Wahn, der eine Verhaltenstherapie unumgänglich macht.

Hypochonder haben ein geringeres Sterberisiko

Der Großteil der Krankheitsängstlichen sind jedoch „Alltagshypochonder“. Menschen mit einem sensiblen Frühwarnsystem, die körperliche Empfindungen akribisch beobachten und daher gern als etwas verschroben belächelt werden. Albert Einstein soll solch eine „Mimose“ gewesen sein. Ebenso wie Thomas Mann und die britische Krankenschwester Florence Nightingale. Dabei hat eine leichte gesundheitsbezogene Angst durchaus einen Vorteil, den Mediziner Hein auch zum Titel seines neuen Buchs gemacht hat: Hypochonder leben länger.

Dass an dieser These durchaus etwas dran sein könnte, zeigt sich nicht nur an Einstein, Mann und Nightingale. Sie alle wähnten sich zwar zeitlebens an der Schwelle zum Tode, wurden jedoch – damals eine Seltenheit – weit über 80 Jahre alt. Auch eine schottische Studie mit rund 320.000 Teilnehmern deutet auf einen Überlebensvorteil der „eingebildeten Kranken“ hin. Die Forscher betrachteten darin den Gesundheitszustand und Lebensstil der Probanden, und fragten, wie sie ihre körperliche Verfassung selbst einschätzen. Auch der Grad des Neurotizismus wurde analysiert. Jenes Persönlichkeitsmerkmal also, das vor allem durch Überempfindlichkeit und negatives Denken geprägt und damit typisch für Hypochonder ist.

Vorteile bei Früherkennung schwerer Leiden

Am Ende kam heraus: Menschen, die sich als verletzlich und besorgt beschrieben, und die ihre Gesundheit schlechter beurteilten, als sie tatsächlich war, hatten ein um acht Prozent niedrigeres Sterberisiko. Die Wahrscheinlichkeit, an Krebs, Herz- und Atemwegserkrankungen zu versterben, war ebenfalls geringer.

Am Lebensstil allein, so die Wissenschaftler, könne dies jedoch nicht liegen. Auch Neurotiker rauchen, trinken Alkohol und ernähren sich nicht unbedingt gesünder. „Die einzige Erklärung ist, dass diese Leute in Bezug auf ihre Gesundheit wachsamer waren. Vielleicht gingen sie sofort zum Arzt, wenn sie besorgniserregende Symptome verspürten. Und das könnte zu einer früheren Diagnose ernster Krankheiten geführt haben, besonders im Fall von Krebs“, sagt Studienleisterin Catharine Gale. Tatsächlich betreiben Hypochonder nicht selten „Doctor shopping“, sind also Patienten mit einer „dicken Akte“ und Dauergast in Arztpraxen.

Männern würde etwas mehr Vorsicht nicht schaden

Ein Verhalten, das oft unverhältnismäßig sein mag. Und dennoch: Wo die einen übertreiben, zeigen andere – vor allem Männer – oft zu wenig Respekt vor Erkrankungen und sind damit das genaue Gegenteil zum Hypochonder. So nehmen laut einer Studie des Robert Koch-Instituts lediglich 40 Prozent der Männer ab 35 regelmäßig Checkups zur Krebsfrüherkennung wahr. Auch bei Präventionsmaßnahmen wie Ernährungs- und Sportkursen sind laut einer Untersuchung der Krankenkassen 81 Prozent der Angemeldeten weiblich. Und zwei von zehn Männern zwischen 18 und 44 gehen das ganze Jahr über gar nicht zum Arzt – bei den Frauen ist es nur eine von zehn, wie eine Untersuchung von 2012 ergab.

Die Gründe dafür dürfte wohl kein Hypochonder nachvollziehen können: Angst vor unangenehmen Untersuchungen, zum Beispiel an der Prostata. Das Lebensmotto „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“. Oder dem „optimistischen Fehlschluss“ anheimzufallen. So wird in der Psychologie die Unterschätzung des eigenen Risikos bezeichnet. Demnach wissen Raucher zwar, dass Nikotinabhängige durchaus an Lungenkrebs sterben – sie selbst wird dieses Schicksal jedoch ganz sicher nicht ereilen. Ein Irrglaube, wie jährlich über 45.000 Todesfälle durch Bronchialkarzinome beweisen.

Richtige Maß zwischen Achtsamkeit und Gelassenheit

Für Psychiater Hein kommt es letztendlich auf das richtige Maß an. Auch im Fall von Corona. Vorsichtig sein – ja. Aber auch gelassen bleiben. „Wir sollten uns auf das konzentrieren, was in unserem Leben schön ist, was uns Freude macht.“ Denn schließlich ist auch Optimismus ein Faktor für ein langes Leben.

 

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Knut Mäuselein

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